Amerikaner und Deutsche in der Besatzungszeit - Beziehungen und Probleme


Johannes Kleinschmidt

 

Mein Vortrag wird hauptsächlich aus drei Teilen bestehen: zunächst werde ich allgemein über die Entstehung des berühmt-berüchtigten Fraternisierungsverbots berichten. Danach zeige ich im zweiten Teil einen kurzen Filmausschnitt aus einem Anti-Fraternisierungsfilm der amerikanischen Armee, um schlußendlich noch über deutsche Frauen und amerikanische Soldaten, und deren Beziehungen aus Sicht deutscher und amerikanischer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu sprechen.

 

Befreiung durch Besetzung?

Heute wird die Eroberung Deutschlands durch amerikanische Truppen von vielen Deutschen mehr als eine Befreiung denn als die Besetzung durch feindliche Truppen empfunden. In den Diskussionen des letzten Jahres, die besonders in den Medien anläßlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes sehr kontrovers geführt wurden, sprach die eine Seite von einer Befreiung, während die anderen konstatierten: "Wer heute Befreiung sagt, will die deutschen Verbrechen vergessen machen."

Ein weitverbreitetes Stereotyp oder Bild der kollektiven Erinnerung, das mit diesem - Befreiungsmythos möchte ich nicht sagen - aber zumindest mit dieser Betonung der Befreiung zusammenhängt, zeigt freundliche amerikanische GI's, die auf ihren Panzern sitzend, Schokolade und Kaugummi an Kinder und junge Frauen verteilen. Ebenso regelmäßig wird auf die besondere Freundlichkeit afro-amerlkanischer, also schwarzer Soldaten hingewiesen. Ein anderes Element kollektiver Erinnerung betrifft die Beziehung zwischen amerikanischen Soldaten und deutschen Frauen - worauf ich im zweiten Teil meines Vortrags zurückkommen möchte. Hollywood-Filme wie "A foreign affair" oder "The big lift" - (Deutscher Titel: "Es begann mit einem Kuß") - reproduzierten dieses Bild genauso wie Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" oder Romane wie Wolfgang Koeppens "Die Tauben im Gras" und Hans Habes "Off Limit".

 

Stereotyp der Befreiung

Zunächst möchte ich jedoch auf das Stereotyp der Befreiung eingehen. General Eisenhower beispielsweise hätte sich niemals als Befreier definiert, er sah in der amerikanischen Armee vielmehr die siegreichen Eroberer, und proklamierte diese Überzeugung auch. Zwar begriff er sich nicht als Unterdrücker, seine Verachtung für die Deutschen im allgemeinen - und die Nazis im besonderen - war dennoch deutlich erkennbar.

 

"Non-Fraternization-Policy"

In diesem Zusammenhang, also der Befreiung oder der Nichtbefreiung, kommt dem Fraternisierungsverbot eine, wenn auch nicht entscheidende, so doch eine sehr weitreichende symbolische Bedeutung zu. Die Tatsache, daß es den amerikanischen Truppen aufgrund dieses Verbots untersagt war, sich Deutschen gegenüber freundlich zu verhalten, verstärkte das Stereotyp über die Jahre hinweg und machte es so zunehmend erinnerungswürdig. Zeitgenössische. wie auch spätere Berichte und Untersuchungen über die Besatzungszeit haben oftmals das völlige Scheitern der "Non-Fraternization-Policy", wie sie von Amerikanern und Briten genannt wurde, hervorgehoben.

 

Scheitern des Fraternisierungsverbots

So schrieb der amerikanische Militärhistoriker Harold Zink in einer Gesamtdarstellung der amerikanischen Besatzungspolitik für Deutschland im Jahre 1957, daß der Erlaß einer solchen Maßnahme wie des Fraternisierungsverbots zwar nicht weiter verwunderlich, der Glaube an seine Wirksamkeit jedoch sehr naiv gewesen sei.

Hans Habe, der oben ezwähnte Journalist, Schriftsteller und ehemalige Soldat der Besatzungsarmee, der später die "Neue Zeitung" redigierte, ging in seinen Memoiren noch weiter: Seiner Meinung nach war das Fraternisierungsverbot schlichtweg von einem Irren erdacht. Andere Beobachter verglichen das Scheitern des Verbots mit den negativen Erfahrungen während der amerikanischen Prohibition in den 20ern, die ihre angestrebten Ziele weitgehend verfehlte.

Saul Padover, der als Offizier für den amerikanischen Nachrichtendienst tätig war, sprach später davon, daß die amerikanischen Soldaten das Fraternisierungsverbot genauso und vielleicht noch mehr mißachtet hatten als ihre Väter den 18. Verfassungszusatz, also die "Prohibitionsvorschriften".

 

Bloße Rhetorik?

Meiner Meinung nach sollte man die "Non-Fraternization-Policy" nicht einfach so abtun. Denn trotz ihres Scheiterns ist sie Ausdruck der Zeitstimmung und des Bildes, das damals viele Amerikaner von Deutschland und seiner Bevölkerung hatten. Zudem begreife ich das Fraternisierungsverbot im Gegensatz zu einer vor kurzer Zeit erschienenen großen Studie von Klaus-Dietmar Henke über das erste Jahr der Besatzung nicht einfach als Sicherheitsmaßnahme, die zum Schutz der Truppen ergriffen wurde, um sie vor Verrat etc. zu beschützen.

Nach meiner Ansicht basierte das Verbot auch auf anderen Aspekten und Hintergründen, und war auch nicht bloße Rhetorik, um die öffentliche Meinung in den USA, die zu jener Zeit tendenziell antideutsch eingestellt war, zu beruhigen.

 

Differenzierte Betrachtung

Um meine These, es handle sich vielmehr um ein vielschichtiges und aus differenzierten Quellen gespeistes Verbot, zu untermauern, möchte ich nun kurz auf die Entstehung und Planung des Verbots und auf seine Hintergründe eingehen, die in großem Maße an seiner konkreten Ausformung beteiligt waren.

 

Entstehung des Verbrüderungsverbots

Erste Diskussionen über die Notwendigkeit eines Kontaktverbotes für die alliierten Truppen fanden bereits Monate vor der Invasion des europäischen Festlandes statt. In London gab es zunächst informelle Gespräche zwischen William Phillips, dem politischen Berater Eisenhowers; Charles Peake vom britischen Außenministerium; Major General Barker, dem stellvertretenden Stabschef beim alliierten Oberkommando und Mitarbeitern des britischen Kriegsministeriums. Seit Januar 1944 beschäftigte sich auch der alliierte Nachrichtendienst mit der Thematik des Fraternisierungsverbots, so daß schon Ende März 1944 die ersten Studien vorlagen.

Auf zwei dieser Ausarbeitungen möchte ich im folgenden näher eingehen.

Die erste Arbeit wurde von Jacob Beam, einem Botschaftssekretär der amerikanischen Botschaft in I.ondon verfaßt. Beam wies in seinem Papier rückblickend zunächst auf die Situation während der Rheinland-Besetzung nach dem Ersten Weltkrieg hin. Damals hatten sich binnen kurzer Zeit freundschaftliche Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten entwickelt. Diesmal war jedoch laut Beam eine andere Reaktion der aufgrund von Bombenangriffen auf ihre Städte verbitterten Deutschen zu befürchten, zumal diese weiterhin unter dem Einfluß nationalsozialistischen Denkens standen.

 

Gefahr einer anti-amerikanischen Untergrundbewegung

Diese Gegebenheiten und Einstellungen, so die Befürchtung Beams, könne eine Untergrundbewegung gegen die Besatzer fördern. Daher sollten sich die Eroberer zunächst zwar streng verhalten, jedoch gleichzeitig auch fair und diszipliniert. Neben dem nicht unerheblichen Sicherheitsaspekt betonte das Papier jedoch auch einen zweiten Punkt: "To drive home the lesson we mean to teach the Germans this time fraternization should be prohibited from the outset." Also: Den Deutschen sollte eine Lehre erteilt werden, sie sollten sich dessen bewußt sein, daß die Amerikaner sie sowohl weiterhin als Feinde betrachten als sie auch für den Krieg und die Unterdrückung in den von Deutschland besetzten Ländern verantwortlich machten.

Der Autor glaubte, daß die Deutschen von solch einer Behandlung mehr beeindruckt sein würden als von Kriegsschuldklauseln in einem Friedensvertrag.

Das zweite Papier, auf das ich eingehen möchte, wurde von einem britischen Mitglied des alliierten Nachrichtendienstes verfaßt.

Auch hier wird die Gefahr eines "Nazi-Underground" beschworen, in dem man bereits die Keimzelle einer späteren deutschen Revanche sah.

Für weitaus gefährlicher als diese Untergrundbewegung hielt der Autor jedoch die Bedrohung. die von einer gezielten und kalkulierten Kampagne mentaler Sabotage ausging. Aufgrund einer solchen Strategie würden die Deutschen versuchen, die Moral der Soldaten zu brechen und ihre Sympathie für sich zu gewinnen, um dann - nach dem Ende der Besatzungszeit - wieder von neuem Krieg zu führen.

 

Angst vor erneutem Propaganda-Angriff

Wie aber sollte sich diese Sabotage vollziehen?

Der Geheimdienst ging zunächst davon aus, daß die Deutschen, die unkomplizierte und tolerante Haltung des Durchschnittssoldaten ausnutzen würden und dieser sowieso, konfrontiert mit der Zerstörung Deutschlands und dem Leiden der Bevölkerung, geneigt war, Mitleid mit der Bevölkerung zu zeigen.

Schließlich würden die Deutschen, so das Papier, an den Sportsgeist der Soldaten appellieren und darauf hinweisen, daß man nach dem Ende der Kampfhandlungen doch keine feindseligen Gefühle mehr füreinander empfinden brauche.

 

Schulung der US-Soldaten

Der Gefahr eines solchen Propagandaangriffs durch die Deutschen war nach den Ausführungen des Geheimdienstes folglich nur mit einem Kontakt- und Fraternisierungsverbots zu begegnen.

Die Truppen sollten, soweit dies möglich war, von der deutschen Zivilbevölkerung isoliert werden, und vor allem eine Schulung erhalten, von der man sich die volle mentale Unterstützung des Verbots durch die Soldaten erhoffte. Ziel dieser Schulung war zunächst die Vermittlung histortscher Fakten über die deutsche Nation, ohne jedoch ständig explizit auf die Nazi-Greuletaten hinzuweisen. Vielmehr sollten die Soldaten lernen, daß die nationalsozialistische Diktatur praktisch nur eine Neuauflage einer Serie von Vorfällen war, die sich ständig fortsetzen würde - es sei denn, jetzt endlich würden drastische Schritte unternommen werden, um die Deutschen von einer weiteren Gefährdung des Weltfriedens abzuhalten.

Entsprechend betonen beide Papiere auch rückblickend - wie sich die Besatzungsplanung allgemein an den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und denen der Zwischenkriegszeit orientierte - daß frühere Fehler in der Behandlung der Deutschen nicht wiederholt werden dürften. Entscheidend war letztendlich das Argument, jetzt die zweite Chance zu ergreifen um nun ein für allemal mit dem deutschen Militarismus abzurechnen.

Oft war in diesem Zusammenhang auch vom aggressiven deutschen Nationalcharakter die Rede - wobei ich betonen möchte, daß beide zitierte Autoren durchaus auch die Vision eines demokratischen und friedliebenden Deutschlands hatten, bzw. dies zumindest nicht ausschlossen.

 

Bekenntnis zur Demokratie in Deutschland

Selbst die schärfsten Kritiker Deutschlands waren, wenn sie darauf angesprochen wurden, bereit, zuzugeben, daß man sich durchaus - jedenfalls theoretisch - mit dem Gedanken vertraut machte, die Deutschen eines Tages zur Demokratie zu bekehren. Viele hielten dieses Ziel aber zumindest mit Blick auf die nahe Zukunft für vergleichsweise unwahrscheinlich, oder innerhalb einer kurzen Zeitspanne oftmals gar für unerreichbar.

Das ist ähnlich, wie wenn wir uns heute versuchen vorzustellen, daß im ehemaligen Jugoslawien jetzt Friede ist oder zumindest bald Friede sein wird.

Die den beiden Papieren zugrundeliegenden Überlegungen wurden im Verlauf der Entstehungs- bzw. Formulierungsphase der "Non-Fraternization-Policy" immer wieder hervorgehoben.

Bereits im April 1944 einigten sich Amerikaner und Briten darauf, ihren Truppen jegliche Verbrüderung mit den Deutschen zu verbieten. In der Direktive CCS 551 wies der vereinigte Anglo-amerikanische Generalstab General Eisenhower an, dafür zu sorgen, daß eine Verbrüderung zwischen den alliierten Truppen und sowohl deutschen Beamten als auch Zivilisten verhindert würde. Später wurde dieses Prinzip auch in die schon erwähnte Direktive JCS 1067 übernommen, die allerdings nur für die amerikanischen Truppen galt.

 

September 1944: Inkrafttreten des Verbots

Die Unterzeichnung des eigentlichen Nichtverbrüderungsbefehls für die alliierten Streitkräfte durch General Eisenhower erfolgte interessanterweise am 12. September 1944. Der Befehl wurde also genau einen Tag, nachdem die ersten amerikanischen Verbände deutschen Boden betreten hatten, erlassen, und nicht wie oft fälschlicherweise behauptet, im Frühjahr oder April '45.

 

Begriffsbestimmung: "Nichtverbrüderung"

"Non-Fraternization" wurde im Befehl Eisenhowers wie folgt definiert: "Nichtverbrüderung ist die Vermeidung des Zusammentreffens mit Deutschen auf der Grundlage von Freundlichkeit, Vertrautheit oder Intimität - ob individuell oder in Gruppen, im offiziellen und inoffiziellen Umgang. Jedoch verlangt die Nichtverbrüderung kein hartes, unwürdiges oder aggressives Verhalten noch eine anmaßende Überheblichkeit, wie sie die Nazi-Führung auszeichnete."

Die militärische Führung der Alliierten strebte sehr wohl eine Abgrenzung gegenüber dem Nazideutschland an, indem sie deutlich machte, daß ein Kontaktverbot keinerlei totalitäre Maßnahmen erforderte.

Im einzelnen wurden den Soldaten folgende Kontakte verboten: Das Betreten deutscher Häuser oder Wohnungen, der gemeinsame Genuß von Getränken, Händeschütteln, gemeinsames Spiel und Sport, der Austausch von Geschenken, die Teilnahme an deutschen Tanzveranstaltungen, gemeinsames Spazierengehen. Diskussionen mit Deutschen und natürlich auch die Heirat deutscher Frauen und die Einquartierung in Häuser, die von Deutschen bewohnt waren.

Diese lange Liste bestätigt erneut. daß der Befehl durchaus nicht als eine reine Sicherheitsmaßnahme begriffen wurde - denn um die Soldaten oder vielmehr die militärischen Geheimnisse vor den Deutschen zu schützen hätte man das Händeschütteln wohl kaum verbieten müssen.

 

Die wichtigsten Motive des Verbots

An dieser Stelle möchte ich nochmals die beiden Hauptmotive des Verbrüderungsverbots zusammenfassen.

 

Sicherheit

Zum einen spielte das Sicherheitsmotiv unzweifelhaft eine wichtige Rolle, wobei der Sicherheits- bzw. der Bedrohungsbegriff sehr weit ausgelegt wurde. Dies kommt auch im Befehl Eisenhowers deutlich zum Ausdruck. Er sah die Sicherheit der Alliierten bereits durch den erwarteten Versuch der Deutschen bedroht, Sympathien zu erwerben und die Gedanken der Besatzungstruppen zu beeinflussen, um so den Konsequenzen der Niederlage zu entgehen und ein Wiedererstarken Deutschlands vorzubereiten.

 

Erziehung

Das zweite, ebenso wichtige Motiv bestand darin, den Deutschen durch soziale Ächtung eine erste Umerziehungslehrstunde zu erteilen. Erstes Lernziel war es zu zeigen, daß sich aggressives Verhalten einzelner oder einer Gruppe in keinster Weise auszahlt.

 

Beschwichtigung der Öffentlichkeit

Neben diesen beiden Motiven wurde jedoch bald ein weiterer Faktor deutlich, der bei den ursprünglichen Diskussionen lediglich eine Nebenrolle gespielt hatte: die öffentliche Meinung in den USA und Großbritannien.

Bereits wenige Tage, nachdem die ersten amerikanischen Soldaten deutschen Boden betreten hatten, waren in britischen und amerikanischen Zeitungen erste Berichte und Photos erschienen, die GI's abbildeten, die mit Deutschen fraternisiert hatten.

Präsident Roosevelt ließ Eisenhower wissen, daß die Veröffentlichung solcher Bilder verschiedentlich Anstoß erregt habe. Eisenhower sollte umgehend Schritte gegen diese Form der Fraternisierung einleiten und gleichzeitig weitere Veröffentlichungen unterbinden.

Von nun an wurden die Berichte und Bilder über eine Verletzung des Fraternisierungsverbots durch einzelne Angehörige der amerikanischen Armee streng zensiert. Gleichzeitig hatte die heftige öffentliche Reaktion demonstriert, daß jeder zukünftige Versuch, das Verbot zu mildern, die öffentliche Meinung werde fürchten müssen.

 

Weitere geschichtliche Entwicklung

Weiterhin möchte ich nun noch einen kurzen Blick auf die Fortentwicklung jener "Non-Fraternization-Policy" werfen.

Das Verbrüderungsverbot wurde zunächst von einem massiven Informations-, Indoktrinations- und Propagandaprogramm begleitet, welches den Versuch unternahm, den Soldaten Gründe des Verbots plausibel zu machen oder auch einzutrichtern. Zu diesem Zweck wurden alle verfügbaren Medien - die Soldatenpresse, besondere Broschüren und Plakate ebenso wie Filme und der Rundfunk- eingesetzt.

 

Radiospots

Ein besonders Propagandamittel stellten die kurzen Radiospots dar, die im Frühjahr 1945 durch alliierte Militärsender ausgestrahlt wurden. Zwei dieser Spots möchte ich gerne zitieren:

"Die Deutschen müssen lernen, daß sich das Kriegführen nicht lohnt. Sie müssen dies auf die harte Tour lernen. Wenn du freundlich mit ihnen umgehst, werden sie dich für weich halten. Fraternisiere nicht!" Und: "Im Hezzen, Körper und Geist ist jeder Deutsche Hitler. Hitler ist der einzelne Mann, der für die Glaubenssätze der Deutschen steht. Schließe keine Freundschaft mit Hitler, fraternisiere nicht!"

 

Wirkung der Soldatenschulung

Die Wirkung solcher Ermahnungen kann nur schwer eingeschätzt werden.

Manche der Soldaten - insbesondere die Kriegsveteranen - verglichen diese Radiospots mit der Werbung, die sie meist von zu Hause kannten.

Es bleibt jedoch festzuhalten, daß das Fraternisierungsverbot, solange die Kämpfe noch andauerten, von vielen, wenn auch nicht von allen Soldaten eingehalten wurde. Nach der deutschen Kapitulation konnte man, wie amerikanische und britische Stäbe aus Befragungen der Soldaten schlossen, davon ausgehen, daß das Verbot nicht viel länger aufrecht zu erhalten war.

Gerade deshalb ist es bemerkenswert, daß das Fraternisierungsverbot über den 8. Mai 1945 hinaus uneingeschränkt fortbestand.

Dies war wiederum nicht zuletzt auf die öffentliche Meinung in den USA zurückzuführen. Besonders heftig reagierte die dortige Öffentlichkeit auf die Berichte über die zuvorkommende Art, mit der Hermann Göring und einige deutsche Generäle bei ihrer Festnahme behandelt worden waren.

Unter diesen Umständen erschien der politischen, wie der militärischen Spitze jede Milderung des Verbots problematisch.

 

Kontinuierliche Milderung des Verbots

Entsprechend vorsichtig ging das alliierte Oberkommando vor. Am 8. Juni 1945 wurde amerikanischen Soldaten zunächst erlaubt, freundlich zu deutschen Kindern zu sein. In diesem Punkt allerdings hatten sich die Soldaten auch schon zuvor, wie man aus etlichen Zeitzeugenberichten weiß, kaum an das Verbot gehalten.

Erst Mitte Juli 1945 kam es dann zu einer entscheidenden Veränderung der Bestimmungen, nicht zuletzt dehalb, weil die inzwischen massenhaften Verstöße gegen das Verbot nicht länger ignoriert werden konnten.

Vom 14. Juli an - also kurz nach der amerikanischen Besetzung Stuttgarts - war es den Soldaten erlaubt, sich mit erwachsenen Deutschen auf Straßen und Plätzen zu unterhalten. Nach diesem Zeitpunkt wurde auch kein ernsthafter Versuch mehr unternommen, die restlichen Bestimmungen des Fraternisierungsverbots durchzusetzen, die dann letztendlich zum 1. Oktober 1945 aufgehoben wurden.

 

Weiterbestehendes Heiratsverbot

Zwei wichtige Verbote blieben jedoch bestehen: So war es alliierten Soldaten weiterhin verboten sowohl unter dem gleichen Dach zu wohnen wie Deutsche als auch deutsche Frauen zu heiraten.

Die amerikanischen GIs, die mit dem Fraternisierungsverbot konfrontiert waren, repräsentierten in vielerlei Hinsicht einen Querschnitt der amerlkanischen Gesellschaft.

Ebenso wie diese sahen sie im Kriegseintritt Amerikas eine eher defensive Maßnahme, die durch die Aggression Japans in Pearl Harbor und die Kriegserklärung Deutschlands gegen die USA notwendig geworden war. Weitergehende Hintergründe wurden oftmals nicht erkannt; auch das ein Grund dafür, weshalb man versuchte, das Fraternisierungsverbot durch Schulung und Indoktrination zu untermauern.

 

Subjektives Empfinden des Soldaten

Wie die einzelnen Soldaten das Verbot empfanden, hing auch von ihren persönlichen Erlebnissen während der Besatzungszeit ab.

Nicht nur die Befreier der KZs fanden Spuren des NS-Terrorregimes - waren doch auf den Straßen nicht nur die Überlebenden der Todesmärsche, sondern auch die vielen freigekommenen Zwangsarbeiter anzutreffen.

Gleichzeitig sollte man auch hier vorsichtig sein, von einer kollektiven Erfahrung zu sprechen. Zu unterschiedlich war das persönliche Erleben und dessen Verarbeitung, so daß manche GIs das Fraternisierungsverbot akzeptierten und begrüßten, während andere es wiederum aus tiefstem Herzen ablehnten.

 

Zahlenmaterial

In diesem Zusammenhang möchte ich noch kurz auf einige Zahlen zu sprechen kommen, die verdeutlichen sollen, wer "die Amerikaner" waren, bzw. wieviele Amerikaner sich überhaupt in Deutschland aufhielten.

Zum 8. Mai 1945 - also zum Zeitpunkt der Kapitulation - gab es in Europa 3,1 Millionen amerikanische Soldaten. Davon waren etwas mehr als die Hälfte - also ca. 1,6 Millionen - in Deutschland stationiert. Für die spätere Besatzungszeit gibt es keine differenzierten Zahlen für Deutschland und Europa, wobei davon ausgegangen werden kann, daß ab 1947 kaum noch amerikanische Truppen in Frankreich, Belgien oder Großbritannien stationiert waren.

In ganz Europa gab es erstaunlicherweise zum Jahresende 1945 lediglich noch 600.000 Soldaten. Man hatte also innerhalb weniger Monate über 2 Millionen GIs - zunächst teilweise noch in den Pazifik - später dann direkt zurück in die Vereinigten Staaten geschickt.

 

"Bring home Daddy"

Die Soldaten waren auch nicht mehr in der Armee zu halten. So demonstrierten amerikanische GIs in Japan, wie auch in Deutschland vor ihren Befehlshabern und forderten ihren eigenen Abzug. In Amerika bildeten sich Clubs wie "Bring home Daddy", die dem amerikanischen Präsidenten beispielweise Kinderschuhe schickten und dies mit der Bitte verknüpften, die Väter doch endlich nach Hause zu holen.

 

Überraschend schneller Truppenabzug

Im Großen und Ganzen kam der schnelle Truppenrückzug auch für das amerikanische Oberkommando überraschend. Es war zwar zu keinem Zeitpunkt geplant, eine große Truppenpräsenz in Deutschland zu halten. Dies hatte auch Roosevelt bestätigt, vielmehr war immer die Rede von einem schnellen Rückzug gewesen, aber dies schnelle Tempo hatte man nicht erwartet.

Gab es Ende 1946 in Europa noch 200.000 GIs, Ende 1947 nur noch 120.000, so sank die Zahl danach sogar auf unter 100.000, und erst 1951, also nach Ende der eigentlichen Besatzungszeit, stieg sie wieder an, um 1955, also mit Kaltem Krieg und Koreakrieg, einen neuen Höchststand von 360.000 Soldaten zu erreichen.

Das bedeutet, daß es über Strecken der Besatzungszeit hinweg, also bis 1949, in Deutschland weniger Soldaten als später in der Bundesrepublik gab. Betrachtet man also die Chancen, die Deutsche hatten, überhaupt auf Amerikaner zu treffen, so wird man feststellen, daß die Möglichkeiten lediglich in den ersten Kriegs- und Besatzungsmonaten groß war. Nicht zuletzt hierin ist auch der Grund für die große Zahl der "Besatzungskinder" in den frühen Nachkriegsjahrgängen zu sehen.

 

Anmerkung:

An dieser Stelle unterbrach Dr. Kleinschmidt seinen Vortrag, um einen Ausschnitt aus dem amerikanischen Truppenschulungsfilm "Your Job in Germany" zu zeigen. (Bezugsquelle: Landesbildstellen oder der audiovisuelle Dienst der National Archives in Amerika)

 

Deutsch-amerikanische Liebesbeziehungen

Der zweite Teil meines Vortrags beschäftigt sich mit dem Bild, das sich die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von deutschen Frauen gemacht haben, die damals mit GIs befreundet waren.

"Als ich mir eines Abends auf der Straße eine Zigarette anzünden wollte, funktionierte das Feuerzeug nicht. Judy schaute gerade aus ihrem Fenster und bot mir ein Streichholz an. Danach - Sie wissen ja, wie das so geht." Mit diesen Worten beschreibt der amerikanische Soldat Russel W. Horton, wie er seine deutsche Braut kennenlernte. Eine an sich unspektakuläre Zufallsbekanntschaft, die zu anderen Zeiten höchstens interessant für die Betroffenen selbst gewesen wäre.

Für viele Zeitgenossen jedoch, ob Amerikaner oder Deutsche, wurden diese deutsch-amerikanischen Liebesbeziehungen zu einem argwöhnisch beobachteten und besonders erklärungsbedürftigen Phänomen.

 

Das Bild der deutschen Frau

Das Bild der deutschen Frau, die eine Beziehung mit einem GI eingeht, ist zu einem Stereotyp geworden, das, wie bereits erwähnt, durch Fernsehen, Film und andere Medien kolportiert und weiter fortgeschrieben wurde. Schilderungen über die Besetzung Deutschlands durch die amerikanischen und britischen Truppen behaupten wiederholt eine besondere Bereitschaft deutscher Frauen und Mädchen, mit den alliierten Soldaten sexuelle Beziehungen einzugehen.

Die amerikanische Journalistin Judy Barden berichtete im Mai 1945 von Mädchen "gekleidet in den kürzesten Kleidern, die ich je gesehen habe" und weiter noch: "Diese Mädchen gingen vor den GIs auf und ab, um deren Aufmerksamkeit zu erwecken". Die Korrespondentin der "New York Sun" schrieb weiter, die Frauen seien stämmiger als Österreicherinnen, trügen kein Make-up, seien jedoch braungebrannt und glichen insgesamt Amazonen. Soviel zum Thema objektive Berichterstattung in den Medien.

 

"Leichteste weiße Frau der Welt"

Im Juni zeigte sich der britische Oberbefehlshaber, Feldmarschall Montgomery, erstmals über das freizügige Auftreten der deutschen Frauen besorgt. Wie die New York Times notierte sagte er "es habe den Anschein, als ob die deutschen Mädchen organisierten Striptease praktizierten, um den alliierten Willen zur Aufrechterhaltung des Fraternisierungsverbots zu zerrütten."

Der eingangs erwähnte Saul Padover kam sogar zu der Aufassung, die deutschen Frauen seien die "leichtesten weißen Frauen der Welt".

 

Anti-amerikanische Propagandistinnen

Besonders thematisiert wurde allgemein die politische Gefahr, die deutsche Frauen für die - offensichtlich als naiv eingeschätzten - amerikanischen Soldaten darstellten.

Zitat: "Deutschland hat gegenwärtig hunderttausende von bewußten oder unbewußten Propagandistinnen unter den Mädchen, mit denen sich unsere Männer treffen."

Danach waren die heimwehkranken US-Soldaten in ihrer völligen Naivität "die willfährigen Opfer einsamer "Frauleins", die noch voll dessen waren, was ihnen Propagandaminister Goebbels eingetrichtert hatte und die sich jetzt anschickten ein neues Lied der "Lorelei" zu singen, um die Soldaten und mit ihnen praktisch die ganze Welt abermals in den Untergang zu treiben.

Die Beziehungen zwischen GIs und deutschen Frauen wurden hier also durch die Brille der Kriegspropaganda gesehen, die eine ideologische Übermacht der nazistisch-indoktrinierten Deutschen über die einfachen amerikanischen Soldaten ausmalte.

 

Deutsche Verräterinnen

Während von amerikanischer Seite die deutsche Frau als Propagandistin der deutschen Sache angeprangert wurde, sahen viele Deutsche die Beziehung deutscher Frauen mit amerikanischen Eroberern als Verrat an Deutschland.

Auch hier findet sich das Bild der Frau wieder, die sich den Eroberern geradezu in die Arme wirft. Ein Bericht von der Besetzung Mannheims Ende März 1945 vermerkt, "daß deutsche Frauen und Mädchen sich dem eindringenden Feind angeboten hätten (...) und die Frauenwelt (...) im allgemeinen den Truppen gegenüber (die) natürliche nationale und christliche Scham und Stolz und Würde allzu sehr vermissen ließe."

In München berichtet später ein Zeitzeuge, daß es für ihn ein Schock gewesen sei, wie bei der Besetzung der Stadt "unsere alleinstehenden Frauen, Kriegerwitwen, Feldbräute den Ami-Soldaten um den Hals fielen".

Allerdings wurde er von anderen Deutschen belehrt, er solle "doch froh sein, daß wir die Nazis los sind!" Die öffentliche Meinung zu diesem Thema war also gespalten.

 

Klerikale Mahnungen und Positionen

Bald erhoben auch die ersten geistlichen Moralwächter ihre Stimme. So nutzte der katholische Bischof von Passau beispielsweise die erste Gelegenheit, um in einem Hirtenwort auf die - seiner Meinung nach - skandalösen Zustände hinzuweisen:

"Deutsche Mädchen, auch junge Kriegerfrauen, sogar Mütter schämen sich nicht, fremde Soldaten durch ihr aufreizendes Benehmen und ihre jedem Anstand hohnsprechenden Kleider herauszufordern, sich ihnen in dirnenhafter Weise förmlich aufzudrängen (...) sie lassen sich leichthin um ein bißchen Genuß, um ein kurzes Vergnügen, das man sonst entbehren muß, verführen. Ich habe ausgeführt, daß man in den Kriegsjahren dem deutschen Namen Schmach angetan hat. Ich muß jetzt hinzufügen, daß dem deutschen Namen nicht minder große Scham zufügen all die leichtsinnigen Frauen und Mädchen, die in frivoler Mißachtung des sechsten Gebotes Gottes durch ihre schamlose Haltung nicht sich selbst, sondern das ganze Volk als solches erniedrigen."

 

"Ami-Flittchen"

Der Passauer Bischof jedoch stand mit seiner Meiung keinesfalls alleine, eine Zeitzeugin erinnerte sich später, daß sie verächtlich auf die "Ami-Liebchen" oder "Ami-Flittchen" herabgesehen hatte.

 

Anerkennung

Wie das folgende Zitat demonstriert, bewunderten andere wiederum den Mut der Frauen, die sich mit einem Besatzer in der Öffentlichkeit zeigten: "Und da gab's halt die Amiliebchen, die sind dann im Jeep manchmal mitgefahren, und das wollten wir natürlich auch, wir anderen, die jüngeren. Die hab' ich schon irgendwie bewundert, daß die da mitfahren konnten."

Besonders empört schienen viele der deutschen Kriegsveteranen, die nach Hause kamen und ihre Frauen "in den Armen des Siegers" vorfanden. Der Film "Die Ehe der Maria Braun" von Rainer Werner Fassbinder behandelt genau diese Thematik - hier wird die Situation allerdings noch durch den ungeklärten Tod eines amerikanischen Soldaten dramatisiert.

Der Monatsbericht der amerikanischen Militärregierung meldete schon im September 1945 vereinzelte deutsche Aktionen gegen die Fraternisierung.

 

"Jedes Ami-Hürle hot a Armbandührle..."

So hatten Arbeitslose, Jugendliche und entlassene Soldaten anonyme Flugblätter und Poster verteilt, die sich gegen die treulosen deutschen Mädchen richteten.

Die Schmähschriften auf Plakaten und Flugblättern, in denen die deutschen GI-Freundinnen angegriffen wurden, waren zum Teil in Reimform abgefaßt, zum Teil waren es Drohbriefe, die sich an einzelne Frauen und Mädchen richteten.

In Heilbronn kursierte ein Spottvers in Mundart, der den Sozialneid der Verfasser entlarvte. "Jedes Ami-Hürle hot a Armbandührle, aber unseroiner - der hot nix!"

Etwas drastischer thematisierten Plakate das Los des heimgekehrten deutschen Soldaten:

Ein Plakatkünstler versuchte die bildhafte Darstellung eines leidverzerrten Soldatenportraits in Szene zu setzen und mit der Überschrlft zu versehen: "Dies alles nur, um den deutschen Frauen das Huren zu ermöglichen!"

In manchen Fällen wußten die angegriffenen Frauen sich durchaus zu wehren und verfaßten Erwiderungen an die Adresse der "anonymen' Verfasser. Sie wiesen unter anderem darauf hin, daß die deutschen Soldaten im Ausland auch ihre Liebesabenteuer gesucht und gefunden hätten.

 

Tätliche Angriffe

Während manche der Spottverse auch von Frauen verfaßt wurden, äußerte sich das Ressentiment einzelner junger, männlicher Fraternisierungsgegner in tätlichen Angriffen auf Frauen, die sich öffentlich mit amerikanischen Soldaten zeigten.

Einigen der Opfer wurden dabei beispielsweise die Haare abgeschnitten. Dies erinnert auf erschreckende Weise an ähnliche Exzesse des mehr oder weniger organisierten Volkszorns gegen Frauen, die sich in den Jahren des NS-Regimes trotz des offiziellen Kontaktverbots mit polnischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern angefreundet hatten. Jetzt verprügelten Jugendbanden die Freundinnen der GIs oder auch diese selbst.

Zwischen Mai 1945 und Anfang 1947 hatte der amerikanische Nachrtchtendienst im besetzten Deutschland insgesamt 21 subversiver Organisationen namhaft gemacht.

Eine von ihnen - die sogenannte "Sonnenrad-Division" - hatte auf ihre Fahnen explizit Unternehmungen gegen fraternisierende Deutsche geschrieben.

Soweit die Täter aber ausgemacht werden konnten, kümmerten sich amerikanische Militärgerichte um sie.

Es gibt einen bekannten Fall, nachdem ein junger Deutscher, der einer Frau die Haare abgeschnitten hatte, von dem amerikanischen Militärrichter so lange ins Gefängnis gesteckt wurde, bis die Haare der Frau wieder gewachsen waren.

 

Gespaltene öffentliche Meinung

Tatsächlich war die deutsche Bevölkerung in der Frage der Liebesbeziehungen deutscher Frauen zu amerikanischen Soldaten gespalten, wie auch eine Meinungsumfrage aus der Besatzungszeit bestätigt.

Die Amerikaner hatten unter anderem die Demoskopie nach Deutschland gebracht und schon damals zahlreiche Meinungsumfragen, sowohl unter ihren eigenen Soldaten als auch unter den Deutschen durchgeführt.

Im November 1947 wurde ein repräsentativer Ausschnitt der Bevölkerung innerhalb der amerikanischen Zone gefragt, ob sie etwas dagegen einzuwenden hätten, wenn eine Fau aus ihrem Bekanntenkreis oder ihrer Familie mit einem Amerikaner ausginge.

 

Nur 22 Prozent der Deutschen sprachen sich offiziell gegen eine deutsch-amerikanische Beziehung aus

Nur eine Minderheit von 22% der Befragten antwortete auf diese Frage, daß sie tatsächlich etwas dagegen hätte, während 74% angaben, daß hierin kein Problem läge.

Dieses Untersuchungsergebnis rief bei den amerikanischen Befragern Erstaunen hervor, da man ursprünglich von einer wesentlich größeren Ablehnung ausgegangen war.

Die Militärregierung beschloss daraufhin also eine zweite Befragung durchzuführen, bei der man zwei verschiedene sogenannte "samples" oder Querschnitte bildete.

Bei der einen Personengruppe gab man vor, deutscher Demoskop zu sein, während man bei den anderen vorgab, im Auftrag der Militärregierung zu handeln.

Beide Gruppen wurden wiederum nach ihrer Meinung zu deutsch-amerikanischen Beziehungen gefragt.

 

Erneute Umfrage mit signifikantem Unterschied

Das Ergebnis, wenn auch nicht repräsentativ, da man zu wenige Leute befragt hatte, war doch sehr intesssant und wies zudem einen signifikanten Unterschied auf:

Während 50% derer, die im amerikanischen Auftrag befragt wurden, angaben, sie billigten eine Freundschaft zwischen deutschen Frauen und GIs, waren es bei der anderen Gruppe nur 40%. Nur 32% der ersten "amrerikanischen" Gruppe lehnten die betreffenden Freundschaften ab, während sich die zweite "deutsche" Gruppe mit 44,9 % dagegen aussprach.

Wie groß der Widerstand der deutschen Bevölkerung gegen diese Beziehungen tatsächlich war, läßt sich sicher nie zweifelsfrei ermitteln.

Auffällig ist jedenfalls, welche Motive hier unterstellt wurden, und zwar sowohl auf amerikanischer als auch auf deutscher Seite.

 

Unterstellte Motive der deutsch-amerikanischen Beziehungen

Der Amerikaner Julian Bach argumentierte in seinem Buch "America's Germany", Fraternisierung sei einfach eine Sache von "Sex" gewesen. Ein Amerikaner sei mit einer deutschen Frau zusammen, nicht weil sie Deutsche, sondern weil sie eben eine Frau sei. Ganz einfach.

Nach Bach trugen weiterhin eigentlich die amerikanischen Frauen die Hauptschuld daran, daß die amerikanischen Soldaten jetzt so verrückt nach deutschen Frauen waren.

 

Amerikanische Soldaten als Opfer deutscher "Fräuleins"

Die schon erwähnte Judy Barden sah dagegen die jungen amerikanischen GIs als Opfer von sexhungrigen "Frauleins". Sie schrieb: "Many kids who had left the States at the hand-holding stage quickly learned what life was all about by being chased into a bush and tought by experts."

 

Die Beziehungsmotive waren vielschichtig

Natürlich war die Realität vielfältiger und auch tragischer. Hierzu schreibt die Historikerin Ute Freverth: "In den Westzonen waren die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Prostitution vielfach fließend:

Zahlreiche amerikanische und britische Soldaten bezahlten ihr Vergnügen mit Zigaretten, Schokolade und Brot. Junge Mädchen, aber auch verheiratete Frauen knüpften Beziehungen zu Angehörigen der Besatzungsmächte an, und ihre Familien, die von solchen Kontakten materiell profitierten, übten Toleranz."

Die Gründe für den in der Nachkriegszeit oft konstatierten moralischen Verfall, der sich nicht nur auf die Beziehung zu amerikanischen Soldaten, sondern auf die generelle Verwahrlosung der Jugend bezog, waren in der Nachkriegszeit oftmals Tagesthema.

 

Der Nationalsozialismus hatte die Keuschheit eliminiert

Dies wurde beispielswiese auch in der Schweiz wahrgenommen. Hier führte die Zeitung "Die Tat" als Grund den Nazionalsozialismus an, da im nationalsozialistischen Deutschland die Empfängnisverhütung verboten, und "Unberührtheit und Keuschheit als anerkannte Tugenden" eliminiert worden seien.

In der von den Amerikanern unterstützten "Neuen Zeitung" wurde dagegen der Krieg für das Verschwinden der Moralschranken verantwortlich gemacht.

 

Materielle Motive

Sowohl amerikanische wie auch deutsche Beobachter unterstellten den deutschen Freundinnen der Besatzer materielle Motive.

So klagten die "Frankfurter Hefte": "Gerade wo die Bindungen an die Sitte lockerer geworden sind denn je, (könnten) der Charme des Siegers, der Abglanz der weiten Welt, der Reiz des Fremden, Überfluß an begehrten Gütern und wohlgenährte physische Kraft eine Anziehung (ausüben), die nicht nur die Männer des eigenen Landes erbittert, sondern auch eine Gefahr für die Liebe als eigentlich entscheidendem Element von Beziehungen darstellen könnte."

 

"Männermangel"

Jedenfalls ist, abgesehen von solchen Momentaufnahmen und Schuldzuweisungen, auch darauf hingewiesen worden, daß es in Deutschland tatsächlich einen sogenannten "Männermangel" gab.

1946 entfielen in den drei Westzonen auf 100 Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren 167 Frauen, in der Altersgruppe der 30 bis 40jährigen 151 Frauen auf 100 Männer. Insgesamt 3,7 Mio. junger Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, sahen angesichts dieser demographischen Tatsache jede Aussicht auf eine Heirat schwinden.

Noch interessanter ist vielleich die Rolle des durch Film und Feznsehen verbreiteten Image der Ami-Freundin, die sich schminkt, raucht, sich ungezwungener benimmt. Je nach Einschätzung wird dies entweder als Verstoß gegen die guten Sitten, oder als Fortschritt gegenüber den Zeiten des Nazi-Regimes gesehen.

Viele der Fauen, die Beziehungen zu Amerikanern hatten, wollten heiraten und begriffen sich selbst nicht als irgendwie gewinnsüchtig, führten sie doch einfach ganz normale Beziehungen.

 

1946: Das Heiratsverbot wird aufgehoben

Gleichzeitig gab es jedoch auch das Heiratsverbot, das auch noch nach der Byrnes-Rede weiterbestand und erst Mitte Dezember 1946 aufgehoben wurde.

Dies führte dazu, daß gerade in der Zeit, in der die meisten Beziehungen zustande kamen, Ehen unmöglich waren. Viele der Soldaten konnten sich so leicht aus ihrer Verantwortung stehlen.

 

12000 bis 13000 Eheschließungen in der Besatzungszone

Trotzdem haben doch eine große Zahl deutscher Frauen und amerikanischer Männer in der amerikanischen Besatzungszone geheiratet. Bis Ende 1949, so würde ich schätzen, fanden 12000 - 13000 Eheschließungen zwischen Amerikanern und Deutschen statt. Zählt man die Frauen hinzu, die als Verlobte in die USA gekommen waren - sie bekamen ein Visum und mußten innerhalb einer bestimmten Zeit heiraten, sonst wurden sie zurück nach Deutschland geschickt -, so steigt diese Zahl nochmals an.

Zwischen 1946 und 1949 wanderten ca. 20000 Frauen auf diese Art, sozusagen als "Heiratsemigrantinnen" nach Amerika aus.

 

37000 amerikanische Besatzungskinder

Nach einer Erhebung von 1955 wurden in Westdeutschland 66730 uneheliche Besatzungskinder gezählt, von denen 37000 amerikanische Väter hatten. Von diesen waren etwas über 10% Kinder afro-amerikanischer Soldaten.


Aus: Haus der Geschichte Baden-Württemberg,Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg),Besatzer - Helfer - Vorbilder, Amerikanische Politik und deutscher Alltag in Württemberg-Baden 1945 bis 1949, Dokumentation des Symposiums vom 11.10.1996 im Stuttgarter Rathaus, S.35-54.